Lauschbar 50 23. Januar 2011

 

Kollektiv Turmstrasse: Rebellion der Träumerei (Connaisseur) 19.11.2010
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Rebellisch ist es nicht, träumerisch sehr wohl, das 2. Album des Hamburger Produzenten-Duos Christian Hilscher und Nico Plagemann. Bislang haben sie sich eher um den Electro-Dancefloor verdient gemacht. Das neue Album zielt aber ganz klar auf entspanntes und wohliges Zuhören auf der Couch ab. Sanft pluckernde Breakbeats, warme Synthesizer-Melodien, ambiente Sounds und gelegentliche verhuschte Vocals verschiedener GastsängerInnen ergeben teils betörend schöne Stücke, in denen man sich verlieren und wegträumen kann ...
Perfekte Platte für den Winter!
  ↑  Crash:Conspiracy: <> (I ME / Rough Trade) 12.11.2010
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Im Herbst startete der SWR das Multimedia-Projekt "Alpha 0.7", welches das Leben in einem Überwachungsstaat im Jahr 2017 thematisiert. Im Zentrum des Projekts steht die gleichnamige Fernsehserie. Den Soundtrack dazu liefert die fiktive "Band gegen den Überwachungsstaat" Crash:Conspiracy um den Sänger Ino Control, hinter dem sich kein Geringerer als Aydo Abay (ex-Blackmail, Ken, s. Archiv) verbirgt. (Weiters dabei sind u.a. Musiker der Bands Urlaub in Polen, Von Spar und Werle & Stankowski.)
Angesichts der Thematik würde man Agit-Punk-Rock erwarten, aber Crash:Conspiracy gehen einen anderen Weg und kleiden die Ängste der Bürger des Jahres 2017 in größtenteils sehr eingängige, melodramatische Electro-Pop-Songs, denen einmal mehr Abay mit seiner charismatischen Stimme den Stempel aufdrückt. Das stilistische Spektrum ist sehr breit gefächert und sorgt damit für spannende Abwechslung: u.a. Bläser im genialen Opener "Protester", "Monotype" das mit seinem Indie-Rock noch am ehesten an Abay’s Blackmail errinnert, "Sleeplab" mit knarzigen Electro-Rave, Refrain-Chor im hymnischen "Moonlight", ambiente Sounds in "Grey" und "Pretester", 80er Jahre-Synthie-Pop a la Pet Shop Boys in "The Escapist" bzw. a la Depeche Mode in "Slowhand" sowie krautige und experimentelle Electronica in "Everything".
  ↑  Maserati: Pyramid Of The Sun (Golden Antenna) 12.11.2010
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Das 5. Album der seit 10 Jahren bestehenden US-amerikanischen Band überzeugt mit einer schön groovenden, fast tanzbaren Fusion von Postrock mit Space und Kraut Rock im Stile der 70er. Das Muster der rein instrumentalen Stücke ist im Prinzip simpel und immer ähnlich: auf treibende Schlagzeug-Beats und galoppierenden Bass werden sphärische Syntesizer-Flächen sowie effekt-geladene Gitarrenriffs und -loops draufgepackt. Trotz, oder vielleicht auch wegen dieser Einfachheit haben die Tracks eine hypnotisierende Wirkung und machen gute Laune. Dabei enstand das Album unter tragischen Umständen, denn Drummer Jerry Fuchs verstarb während der Aufnahmen bei einem Unfall. Da die Schlagzeug-Parts zu einem großen Teil schon eingespielt waren, entschied man sich im Sinne von Fuchs, mit einem Gast-Drummer das Album fertig zu stellen. Es wird auch noch eine Tour geben, aber ob die Band weiter bestehen wird, ist noch ungewiss.
  ↑  ZAZ: ZAZ (Play On / Sony) 1.10.2010
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Zum Abschluß des Jahres eine schön geschmeidige und über weite Strecken beschwingte Platte aus unserem westlichen Nachbarland. Hinter ZAZ verbirgt sich die 30-jährige französische Sängerin und Songwriterin Isabelle Geoffroy, die hier ihr Debüt vorlegt. Ganz offensichtlich verfügt sie aber schon über eine langjährige Bühnenerfahrung, denn das Album bietet eine reife Mixtur aus Chanson, Jazz, Swing, Gypsy Folklore und Indie Pop. Beachtlich auch die kräftige und wandlungsfähige Stimme, die teilweise an Edith Piaf erinnert und sich wohltuend von den fragilen und hingehauchten Stimmen anderer zeitgenössischer französischer Sängerinnen abhebt.
  ↑  Pink Turns Blue: Storm (Orden / Strobelight) 10.9.2010
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Vor 5 Jahren feierte die deutsch-britische Dark Wave & Gothic Legende nach 10 Jahren Pause mit "Phoenix" (und 2 Jahre später mit "Ghost") ein grandioses Comeback (beide s.a. CD-Archiv.). Eher durch Zufall habe ich die Veröffentlichung des neuen Albums mitbekommen und ohne Bedenken zugegriffen ... und wurde auch nicht enttäuscht, auch wenn das leicht geänderte Soundbild beim ersten Durchlauf etwas gewöhnungsbedürftig war. Die Band bietet noch immer höchst emotionalen, melancholischen Gitarren-Wave-Rock, geprägt von der charismatischen Stimme von Sänger Mic Jogwer. Der Gesamteindruck fällt jedoch weniger rauh und düster aus, sondern aufgeräumter und optimistischer (etwa zwischen Joy Division und The Cure einordenbar), der Oper "Fairy Tales" gerät mit seinen Piano-Beats fast schon zu Pop. Als kleines Novum ist zu verzeichnen, daß Keyborderin Brigid Anderson bei 2 Songs auch als Vokalistin in Erscheinung tritt.
Das Album klingt ingesamt zwar homogener als die beiden Vorgänger, dafür bieten diese die stärkeren Einzelsongs mit den etwas intensiveren Gänsehaut-Momenten.