Lauschbar 33 18. Juni 2006

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Metric: Old World Underground, Where Are You Now? / Live It Out (Unter Schafen/Everloving / Lado/SPV) 5.5.2006
An dieser Stelle werden mal gleich 2 Platten der kanadischen Band aus Toronto vorgestellt. Der Grund ist, daß ihr Debüt "Old World Underground ..." aus dem Jahre 2003 hier in Deutschland zeitgleich mit dem Nachfolger "Live It Out" erschienen ist. Und da beide Platten gleich gut, aber auch etwas verschieden sind, habe ich mich entschieden, beide gleichzeitig vorzustellen.
Die Band um die charismatische Sängerin Emily Haines begann 2001 als Synthie-Pop-Projekt, was auf den beiden Platten aber nur noch in dezenten elektronischen Tupfern anklingt, denn ansonsten sind die Songs durch den Einsatz von Gitarre und Schlagzeug geprägt. Dank der smarten Stimme der Frontfrau und einprägsamer Melodien gelingen der Band eine ganze Reihe wunderschöner Indie-Pop/Rock-Songs, teilweise abseits von üblichen Songformat. Die neue Platte ist dabei insgesamt etwas sperriger und ruppiger mit Riot Grrrl-Appeal.
  ↑  The Dresden Dolls: Yes, Virginia (Roadrunner/Universal) 21.4.2006
Das Bostoner Duo, bestehend aus Sängerin und Pianistin Amanda Palmer und Schlagzeuger Brian Viglione, gibt es seit 5 Jahren und ihr Debüt vor 2 Jahren hat die Musikkritiker wegen ihres eigenwilligen Zugangs zur Rockmusik aufhorchen lassen, der auf ihrer Faszination für Musik & Kabarett der 20er Jahre beruht. Das schlägt sich zum einen im Outfit, in der Bühnenshow und den Lyrics wieder, zum anderen im fast ausschliesslichen Einsatz von Klavier und Schlagzeug.
Es ist schon beeindruckend, wie sich beide Instrumente gegenseitig schwindelig spielen und mit welcher Leidenschaft und Ironie die Sängerin die vermeintlichen und wahren Tragödien des Lebens besingt.
  ↑  The Appleseed Cast: Peregrine (Gentlemen/Alive) 7.4.2006
Dies ist bereits das 5. Album der US-amerikanischen Band, die ursprünglich aus der Emo-Rock-Szene von L.A. kommt, dann aber lieber in den beschaulichen mittleren Westen nach Kansas gezogen ist, um in Ruhe und fernab von irgendwelchen Szenen an ihrem ganz ureigenen, vielfarbigen Soundkosmos zu basteln. Ein Ergebnis dessen ist das hervorragende vorliegende Album. "Beieinander gehalten von einer verwunschenen Saga um den Geist der Tochter einer zerrütteten Familie, entfachen [Appleseed Cast] einen wahren Bildersturm, türmen Glockenspiele, eine Armada garstiger Bratzgitarren, irr gewordenes Rumpel-Drumming, Echoschleifen, atmosphärisches Knistern und unzählige weitere Effekte übereinander ... den einen oder anderen hymnischen Exkurs immer unterm Arm. ... Eine emotionale Schussfahrt ins Ungewisse." (Visions)
Nicht unbedingt leichte Kost und nebenbei zu konsumieren, aber ein Muß für jeden Prog-Post-Rock-Fan!
  ↑  Cuba Missouri: This Year’s Lucky Charms (Make My Day/Alive) 10.3.2006
Das Trio aus Münster schlägt auf seinem Debüt in eine ähnliche musikalische Kerbe wie Appleseed Cast (diese LB), arbeitet jedoch stärker mit ausgeprägter Laut-Leise-Dynamik, ähnlich wie die in der letzten Lauschbar vorgestellten Mogwai, und greift auch mal zu psychedelischen Spielereien a la Pink Floyd. Die Gitarren wabern und dröhnen schön vor sich hin, im Hintergrund klimpert ein Piano. Die ständigen Variationen in Tempo und Lautstärke erzeugen eine angenehme Spannung, welche die eh schon wunderbaren und melancholie-getränkten Melodiebögen noch betont und hervorhebt. Gelegentliche Gitarren-Noise-Attacken lockern die Kompositionen auf, ohne jedoch den melodischen Gesamteindruck zu zerstören.
Absolut überzeugendes wie beeindruckendes Debüt, das übrigens von Kurt Ebelhäuser produziert wurde, seines Zeichens Gitarrist bei Blackmail, deren aktuelle Scheibe "Aerial View" ja auch schon in der letzten Lauschbar vorgestellt wurde.
  ↑  Ostinato: Chasing The Form (Exil On Mainstreet) 31.3.2006
Aller guten Post-Rock-Dinge sind 3, denn die neue dritte Platte von Ostinato kann man auch in diese Schublade stecken. Ähnlich wie Mogwai (letzte LB) und Cuba Missouri (diese LB) baut Ostinato behutsam und filigran eine Soundebene auf der anderen auf. Im Gegensatz zu den o.g. Bands verzichtet Ostinato jedoch fast gänzlich auf harsche Noise-Attacken und ihre Stücke klingen orchestraler und epischer. Wenn man bedenkt, daß die 3 Ex-WG-Kumpane jetzt in verschiedenen US-Bundesstaaten an der Ostküste leben und sich nur gelegentlich zum Proben treffen, ist ihre Perfektion um so erstaunlicher. Die drei längsten Stücke (8-10 Minuten) sind das Schönste, was ich je in diesem Bereich gehört habe. Geniale Musik zum Dahinschmelzen!
  ↑  Matt Costa: Songs We Sing (Brushfire/Universal) 21.2.2006
Debüt des neuen Singer/Songwriter-Talents aus den USA. Im Vorprogramm von Jack Johnson konnte er bereits auch dessen Fans begeistern, zumal es durchaus auch Ähnlichkeiten im musikalischen Klangbild gibt. Insgesamt ist Matt Costa aber vielseitiger in seinen stilistischen Mitteln. "Jeder Song hat eine andere Schwingung, Stimmung und Färbung, und doch wird alles eins. Grund ist seine vorzügliche, in den Vordergrund gemischte Stimme. Mit der Nonchalance des lässigen und doch disziplinierten Surferboys purzeln die recht zauberhaften, aber nie zu niedlichen Melodien aus seinem Mund; die Gitarren schnurren und blitzen wie frisch polierte Straßenkreuzer, die im Schneckentempo die Küstenpromenade entlang cruisen." (Visions).
  ↑  The Bosshoss: Rodeo Radio (Universal) 19.5.2006
Nachdem die 7 Möchtegern-Cowboys aus Berlin bereits im letzten Jahr mit dem Debüt "Internashville Urban Hymns" für Aufsehen sorgten, dürften sie mit dem neuen Album nun endgültig den Durchbruch schaffen, denn ihre charmante und spritzig-witzige Neuinterpretation von bekannten und weniger bekannten Pop-Songs im Blues-Country-Rock’n’Roll-Gewand verbreitet gute Laune, geht ins Tanzbein und ist durchaus massenkompatibel.
Ihre Gigs sollen auch sehr mitreißend sein, wovon wir uns im Oktober auch hier in Ilmenau auf der Semesteranfangsparty überzeugen können.
  ↑  Various Artists: Monsieur Gainsbourg revisited (Virgin) 14.3.2006
Renommierte Musiker aus der internationalen Rock und Pop-Szene, wie Franz Ferdinand, Portishead, Michael Stipe, Tricky, Placebo und Marianne Faithfull haben dem Alt-Meister (1928-91) und Provokateur des französischen Chanson Ehre erwiesen und 14 seiner Songs neu und in englischer Sprache eingespielt.
Die meisten werden sicherlich nur seinen Hit "Je t’aime" im Duett mit Jane Birkin kennen. Ich mache da zu meiner Schande keine Ausnahme, so daß ich die Qualität der Cover im Vergleich zum Original nicht beurteilen kann, die Stücke machen aber auf jeden Fall Lust, sich mal direkt mit der Musik von Gainsbourg zu beschäftigen.
  ↑  Gnarls Barkley: St. Elsewhere (Warner) 26.5.2006
Gnarls Barkley setzt sich zusammen aus dem Produzenten Danger Mouse, der auch schon die Gorillaz produziert hat, sowie dem Sänger & Rapper Cee-Lo. Den Hit "Crazy" aus dem vorliegenden Debüt dürfte jeder schon mal im Radio oder in Eurem Lieblingsclub gehört haben. Die Platte hält noch eine Reihe weiterer, ähnlich genialer Songs bereit. Musikalisch gibt es dabei aber einige kleine Überraschungen, wie z.B. die Balkan-Beats im Opener. Das Album ist sehr vielschichtig, es vereint Soul, Funk und spannende Breakbeats. Prägendes Moment ist jedoch die vom Soul und Gospel beeinflußte, unter die Haut gehende Stimme von Cee-Lo.
  ↑  Gotan Project: Lunatico (Ya Basta/Universal) 15.4.2006
Vor 5 Jahren erregte das internationale Projekt mit seinem Debüt "La Revancha Del Tango" einiges (berechtigtes) Ausehen mit seiner erfrischenden Vermischung von traditionellem Tango und modernen Downbeats. Auf dem vorliegenden Album setzt das Projekt diesen Ansatz noch perfekter und packender um.
Die Stücke wurden dabei zum Teil mit Originalmusikern an Originalschauplätzen in Argentinien und auf historischen Bandmaschinen aus den 60er Jahren eingespielt, was dem Album eine besondere authentische Note gibt.
  ↑  Jel: Soft Money (Anticon/Alive) 24.2.2006
Jeff Logan alias Jel aus den USA macht, zusammen mit diversen Gastmusikern progressive elektronische Musik mit kreativem HipHop-Background – ProgHop. Das zweite Album von Jel ist "ein dunkelblau gefärbter, breiter Strom aus brechenden und schnaufenden Beats, glimmenden Ambient- und Sprachsamples und einer Unmenge in der Brühe aufblitzender Details, der vom dicken Kopfnicker-Faden zusammengehalten wird." (Visions)
Nach Alias & Ehren (LB 31) ein weiterer Genie-Streich vom rührigen Anticon-Label.
  ↑  Tenhi: Maaäet (Prophecy/Soulfood) 10.2.2006
Das Trio aus Finnland macht mystische, progressive Folk-Musik. Sie selbst bezeichnen den Klang der Platte als "Geruch eines von Herbstlaub bedeckten Waldbodens". In der Tat ist dies eher eine Herbst-Platte, bei deren Hören man sich in die Weite und Einsamkeit der finnischen Wälder und Seen versetzt fühlt. Gitarre, Klavier und Violine sind die prägenden Instrumente der glasklaren und interessanten Kompositionen. Das Schlagzeug wird nur sparsam eingesetzt. Der beschwörungsartige Gesang auf finnisch betont die mystische Stimmung.